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Chapeau – Der Hutmacher vom Tegernsee

Chapeau | Nähmaschine

Martin Wiesner schneidet den Hutrand zu und taucht den Rohling, den sogenannten Stumpen, in einen Weißwurstkessel mit Wasser. Statt Weißwürste liegt im Inneren ein Rost auf, um den Stumpen zu dämpfen. Fast jeder Arbeitsgang hat mit Nässe oder Hitze zu tun, so lässt sich das Material formen. Bis aus einem unförmigen Einheitsstumpen eine ansehnliche Kopfbedeckung wird, vergehen einige Arbeitsstunden. Die Herstellung dauert insgesamt etwa eine Woche.

Martin Wiesner ist 33 Jahre jung und hütet die Geheimnisse einer alten, in Deutschland vom Aussterben bedrohten Handwerkskunst: Er ist einer unsrer letzten echten Hutmacher. Kein verklärter Modist mit schrillen Kunst-Kreationen für Exzentrikerhäupter, sondern ein geschickter Handwerker und Bewahrer von Traditionen mit einem Auge fürs Wesentliche.

Direkt und gradheraus ist er, der Wiesner Martin – der Hutmacher aus Rottach-Egern: blonde Lausbubenfrisur, Grübchen vom häufigen Feixen, wacher Blick. „Ich seh schon, wenn einer bei der Tür hereinkommt, welche Sorte von Hutträger er wahrscheinlich ist.“ Er mustert seine drei Besucher mit freundlichem Kennerblick. „Ich erkenn’ gleich: Ist das einer, der einen Hut allerweil aufhockt oder ob da jemand eher was nur zum Ausgehen sucht …“

Eigentlich hat er ja gar keine Zeit. Eigentlich muss er einen Haufen Vereinshüte fertigmachen, weil ein Gaufest ansteht. Und eigentlich muss er auch noch eine Auswahl für eine Modenschau zusammenstellen. Aber wie er da so in seinem nigelnagelneuen Geschäft im Voitlhof steht, hinten dran die Werkstatt, er, barfuß und in Lederhosen, einen halbfertigen Hut lässig in der Hand drehend und Begeisterung versprühend, da vergisst man schnell, dass man nur ganz kurz ein paar Fragen stellen wollte: Zu faszinierend ist es, in seine Welt aus Filz, Holz und Dampf einzutauchen.

Wohlig warm ist es in der Werkstatt, und in der Luft schwebt ein besonderer Geruch, der ebenso an Omas Waschkuchl wie auch an frisch geföhntes Haar denken lässt. Die Dinge und Gerätschaften, die sich dort versammeln, schauen fürs Laienauge befremdlich aus: Klobige Holzformen und -ringe lagern in den bis unter die Decke ragenden Regalen und hängen an langen Spießen. Geschwungene Bürsten, Werkzeuge und Maschinen, deren Funktionen sich nicht gleich durch ihr Aussehen erschließen lassen, versammeln sich neben ganz normalen Bügeleisen, Nähmaschinen und einer Handvoll profaner Wasserkocher. Und dazwischen, grün, braun, grau – matt und schillernd –, Hüte in allen Stadien ihrer Entstehung, daneben bunt glänzend Seidenbänder, Kordeln, Hutschmuck.

Handwerkskunst statt Kunsthandwerk

Liest man solche Zeilen und denkt an einen Hutmacher, fällt einem vielleicht als Allererstes der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland ein. Oder etwas tüddelige Handschuhträger, die extravagante Damen aus dem britischen Königshaus mit allerlei Schleifen und Tüllwolken ausstaffieren. Oder die vielen kreativen Hände, die in den Theaterwerkstätten wilde Gebilde fürs Bühnenvolk zaubern. Aber Martin Wiesner ist da anders. Er ist beileibe kein mad hatter, also kein verrückter Hutmacher. Der Ausdruck mad as a hatter stammt aus dem alten England, Zentrum der Hutmacherkunst, als damals der Filz noch mit Quecksilberlösungen gestärkt wurde und die Dämpfe auf Dauer die Handwerker irre werden ließen.

Und er ist bekennenderweise auch kein sogenannter Modist. „Modisten sind die Designer, die Künstler unter den Hutmachern, die vor allem Damenhüte kreieren und Einzelstücke entwerfen.“ Er sei aber schlicht ein Hutmacher, arbeite serieller, konzentriere sich vor allem auf den Trachtenbereich und arbeite auf Bestellung seiner Kundschaft. „Ich bin ein Handwerker“, sagt er und betrachtet seine vom Filz moosgrün gefärbten Finger. Für seine Ausbildung ist er mit 16 Jahren extra von daheim weg und nach Österreich. Nur dort kann man noch die klassische Hutmacherausbildung absolvieren. Aber frei von einem Gespür für Harmonie, Farb- und Formgebung ist Martin Wiesner freilich nicht. Ganz im Gegenteil. Er macht halt Hüte, keinen Kopfputz.

Einzelstücke aus dem Wurstkessel

Allem Handwerker-Understatement zum Trotz muss an dieser Stelle allerdings festgehalten werden: Jeder Hut aus der Wiesnerschen Manufaktur ist ein handgefertigtes Unikat. Maestro Wiesner orientiert sich an den alten, traditionellen Formen: Miesbacher Scheibling, Werdenfelser Sechser, Chiemgauer und wie sie alle heißen. Seine Kundschaft bestellt gerne und oft Hüte, die sich zuordnen lassen – zu einem Gäu oder zu einem Verein.

Tradition, Heimatgefühl und ein bisschen back to the roots ist seit einiger Zeit im Kommen, auch junge Leute tragen gerne wieder Tracht, erinnern sich an die Gepflogenheiten ihrer bayerischen Heimat – auch jenseits vom Wiesn-Humpftataa. „Im Prinzip sind das alles althergebrachte Formen.“ Martin Wiesner deutet auf seine Sammlung von sogenannten Modln, also klobigen Formen aus temperatur- und feuchtigkeitsresistentem Linden- oder Eichenholz, auf die der filzerne Hutrohling, der Stumpen, zu Beginn aufgezogen wird und auf denen er während der gesamten Produktionsphase verbleibt. „Soll es ein Festtagshut werden, nehme ich einen Stumpen aus Hasenfilz, das gibt dann am Ende den feinen Velourshut mit dem seidigen Glanz. Braucht die Kundschaft einen wetterbeständigen Hut, wähle ich Filz aus Schwafwolle oder Kaninchenhaar.“

Zu Beginn ist die Verarbeitung der unterschiedlichen Stumpen, die er aus Portugal und Augsburg ordert, gleich: Der Rohling wird gewässert und im Dampfbad geschmeidig gemacht, damit man ihn auf den Holzkopf, also die Modl, aufziehen kann. Martin Wiesner grinst: „Da gäb‘ es die großen Dampfglocken. Aber wir machen das einfach in einem Wurstkessel. Das geht genauso.“ Wichtig ist schließlich nicht das Gefäß, sondern der heiße Dampf: „Das sind die beiden entscheidenden Zutaten für die Hutmacherei: Hitze und Wasser.“

Hasenhaar und Haifischhaut

Liegt der Stumpen einmal straff auf der Modl, fest angezurrt mit einem Strick, der verhindert, dass der Filz sich vor dem vollständigen ersten Austrocknen in seine ursprüngliche Form zurückziehen kann, geht es ans Krempe-Bügeln. Dort wo Kopfteil und Rand aneinander stoßen, braucht es eine exakte Kante, die den Sitz und die Form für den Hut garantiert. Präzise, aber nicht zimperlich zeigt Laura, 21 Jahre jung, ausgelernte Modistin aus dem Hunsrück und bei Martin Wiesner als rechte Hand angestellt, wie: Mit einem feuchten Tuch und einem Bügeleisen geht sie zu Werke und demonstriert auch gleich, wie sie durch geschicktes Überbügeln einer Kordel Spannung in den Hutrand bringt. Ranfteln nennt sie das. „Filz ist ein lebendiges Material. Ich liebe die Arbeit damit. Aus meinem Beruf ist schon jetzt eine Berufung geworden.“ Die junge Rheinländerin strahlt. Sie wollte unbedingt ein Handwerk lernen. Und als ihr klar wurde, dass sie den Anforderungen als Fließenlegerin auf Dauer körperlich nicht gewachsen wäre, startete sie eben eine Ausbildung in einer Hutmanufaktur. Ihre Gesellenprüfung legte sie in München ab und schaute dann, „was da hinter München noch so ist“. Liebevoll streicht sie an der smaragdgrünen Kante des noch im Werden befindlichen Hutes entlang. Sie hat ein Faible für Dirndl und Tracht, hat selbst bereits an die fünfzig handgefertigte Hüte – und trägt sie meist zu passenden Schuhen, Handschuhen und Handtasche. In Stilfragen gilt das höflich-zurückhaltende Nachwuchstalent schon als Geheimtipp.

Inzwischen sitzt Laura an der Schermaschine. Ist der Hut nach Bügeln, Ranfteln, Bürsteln, Trocknen dann endlich von der Form abgeschlagen, bekommt er schließlich noch die markante und formbestimmende Mulde aus des Hutmachermeisters Hand. Ist es ein edler Fest- und Sonntagshut, bekommt er zum Schluss eine Sonderbehandlung: Da durchs Walken und Bügeln das Hasenhaar notgedrungen fest verpresst ist und nur stumpf daherkommt, wird die Oberfläche zuerst mit Haifischhaut aufgerissen, eingehend gebürstet und anschließend vorsichtig geschoren. Das Ergebnis ist ein seidiger Velours mit samtigem Schimmer. „Das ist, wie wenn man frisch vom Friseur kommt.“ Stolz begutachtet Wiesner ein besonders schönes, dunkelgrünes Exemplar. In den Regen sollte man damit nicht unbedingt kommen, dann verkleben die feinen Härchen des Velours, und der besondere Glanz ist dahin.

Augenmaß und Menschenkenntnis

„Die Allrounder aus Wollfilz oder Kaninchenhaar halten vier bis fünf Stunden dicht im Regen. Danach aber ja nicht auf den Rand legen, sondern aufhängen. Sonst verlieren sie ihren Schwung.“ Zwischen zwei Hutstapeln lächelt eine blonde junge Frau hindurch. Der Rand sei mit das Entscheidende bei einem Hut, erklärt Susanne Wiesner, Chefin und Frau des Hutmachers und erfahren in der Kundenberatung. Je nachdem, wie steil und wie stark gewölbt, welche Neigung in welche Richtung, gebe die Krempe der Kopfbedeckung schließlich den letzten Pfiff. „Wenn der Hutkopf die Automarke ist, dann steht der Rand für die PS“, bringt es der Chef selbst auf den Punkt.

Und weil eben das Zusammenspiel von Hutkopf, Krempe und der Garnitur mit Kordeln oder Bändern so ein besonderes ist, gibt es beim Wiesner quasi nur Einzelstücke: Je nach Gesichtsform und Habitus der Kundschaft wird dem Hutkopf ein steiler oder flacher, ein schmaler oder etwas breiterer Rand zugeordnet, die Kordel einfach oder mehrfach um den Hut gelegt. „So wie man mit Nässe und Hitze aus dem Filz eine Hutform herausholen kann, so kann man mit einem Hut auch etwas Markantes aus einem Menschen herausholen“, erklärt Martin Wiesner. Wie er das genau entscheidet, dafür kann er keine Regel aufstellen. Er schaue den Menschen halt ins Gesicht und wisse dann schon, was seine Hände zu tun hätten: Für einen großen Kopf den Hut nicht zu weit eindrücken, ein zierliches Kinn unter einer breiten Stirn braucht im Zweifelsfall einen konisch zulaufenden Hutkopf. „Die Kopfformen der Menschen verändern sich auch merklich mit der Zeit. Darum entwickeln wir die traditionellen Formen und Modelle immer wieder weiter“, erklärt der bekennende Handwerker und verrät damit nun doch seine Kompetenzen als Designer.

Auch wenn er mitsamt seinem inzwischen neunköpfigen Team nicht jeden Tag grundlegend das Konzept des Hutes neu erfindet, so ist die Hutmacherei, wie sie Martin Wiesner betreibt, defintiv mehr als profanes Handwerk. Da wird nicht einfach etwas schnöde hergestellt, sondern mit sehr viel Augenmaß, feiner Intuition und Menschenkenntnis passgenau gefertigt. „Ein Hut erzählt so viel über den Menschen, der ihn trägt. Im Idealfall sieht man im Wirtshaus einen Hochziaga mit schmalem Rand hängen und weiß sofort: Ah! Der Xaver ist da“, sinniert Wiesner.

Und auch wenn die meisten seiner Kunden beim Betreten des Ladens ungesehen an ihm vorbeikommen, weil er gerade in der Werkstatt vielleicht einen Scheibling ranftelt oder einen Sechser eindrückt, vor dem Hinausgehen kommen sie nicht an ihm vorbei. Zumindest nicht, wenn sie einen Hut mitnehmen. „Im Zweifelsfall muss man ein bisschen Zeit mitbringen“, lächelt seine Susanne mild. „Weil er einen jeden Hut persönlich am Ende nochmal anpasst und absegnet, bevor er bei der Tür hinaus und in die Welt hinein darf …“

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