Natur & Freizeit

Ein Wintermärchen | Malerische Wandertouren im Oberland

Unter den Sohlen knirscht leise der Schnee, der Atem bildet bei klirrender Kälte kleine Wölkchen, die Berge tragen weiße Pelze, und auf sonnigen Wiesen glitzern die Schneekristalle um die Wette: Wandern ist auch im Winter ein wahres Vergnügen – und das nicht nur für Romantiker

Wanderglück und Gaumenschmaus

Verschneite Wälder und verträumte Seen, dazu einladende Hütten und Almen, bei denen die Brotzeit mit herrlichen Ausblicken auf die Berge ringsum garniert wird: So facettenreich ist Winterwandern in der Region Tegernsee-Schliersee. Mit rund 200 Kilometern geräumten und markierten Wegen abseits der Pisten und Loipen ist die Region ein Dorado für Winterwanderer. Sportliche Naturen, die auch in der kalten Jahreszeit eine kleine Herausforderung am Berg brauchen, kommen dabei ebenso auf ihre Kosten wie Genießer, die ihr Glück bei ausgedehnten Spaziergängen auf gut präparierten Wegen entlang der Ufer von Tegernsee, Schliersee oder Spitzingsee finden.

Traumausblicke auf den See

Eine traumhafte Aussicht über den See und viel Sonnenschein garantiert (entsprechendes Wetter natürlich vorausgesetzt) die knapp sechs Kilometer lange Wanderung vom Schliersee auf die Schliersbergalm. Der familienfreundliche und deshalb auch für ungeübte Wanderer ideale Weg führt, wenn man die Häuser des Ortes hinter sich gelassen hat, in weiten Serpentinen bergaufwärts. Das beschert schon früh immer wieder herrliche Ausblicke. Oben angekommen gesellt sich zum Naturerleben und Sonnenbaden auch ein kulinarisches Vergnügen. Wie wäre es zum Beispiel mit Kaiserschmarrn mit Mandeln und Rum-Rosinen? Wer’s deftiger mag, bestellt das Bayerische Biergulasch vom Rind oder geschmorte Ochsenbacken – oder schlicht ein kerniges Brotzeit-Brettl. Wer dabei – was verständlich wäre – zu träge wird für den Rückweg: Auch im Winter trägt die hoteleigene Seilbahn die Gäste bequem hinab an den See. Ein Tipp sind die Fondue- und Raclette-Abende, die hier im Winter regelmäßig angeboten werden.

Der Gaumenschmaus unterwegs ist immer wieder ein willkommener Anlass für eine gemütliche Wanderung von Wildbad Kreuth zur Schwaigeralm. Wer zügig spaziert, bewältigt den landschaftlich wunderschönen, knapp sechs Kilometer langen Rundwanderweg locker in zwei Stunden. Aber dann hätte er auf den Höhepunkt verzichtet. Das herrlich gelegene Gasthaus bietet eine abwechslungsreiche Speisenauswahl von „Vitello Bavaria“ (was nichts anderes ist als fein geschnittener Kalbstafelspitz mit Kernöldressing und frischem Meerrettich) über Forellen- und Saiblingsgerichte bis zu Hirschgulasch oder einem „Wild-Bred’l“ mit Wildschweinwurst und Gamswurzn.

Ein Tipp für ausdauernde Winterwanderer ist der Weg zur Schwarzentenn-Alm. Vom Parkplatz Klamm bei Kreuth ist der Einstieg zum durchgängig maschinell geräumten Weg leicht zu finden und trotz der knapp acht Kilometer langen Strecke einfach und bequem zu gehen. Anstrengend wird es für Unermüdliche, die nach der Einkehr in der gemütlichen Schwarzentenn-Alm (im Winter nur Samstag und Sonntag geöffnet) noch weiter hinaufsteigen wollen zur Buchsteinhütte. Die Mühe des (nicht mehr geräumten) Weges wird belohnt durch die wunderbare Aussicht auf Rossstein und Buchstein.

Winterzauber in der Jachenau

Die von Bergen umgebene Jachenau lockt Wanderer im Sommer wie im Winter. In der kalten Jahreszeit entwickelt das schneeverwöhnte Hochtal einen besonderen Zauber. Dass von der Gästeinformation nur wenige Wege für Winterwanderungen empfohlen werden, hat einen einfachen Grund: Rücksichtnahme auf das Wild, das durch die Wanderer bei den Fütterungen gestört würde.

Zum vereisten Wasserfall

Ein einmaliges Erlebnis ist beispielsweise die Wanderung zur (nicht bewirtschafteten) Lainl-Alm. Vom Parkplatz am Schützenhaus in Jachenau führt der Weg abwechselnd durch Wald und über offenes Gelände und immer wieder auch an der Großen Laine entlang. Ein Schild weist den Weg zum Wasserfall. Der Laintal-Wasserfall, nicht weit entfernt von der Lainl-Alm, ist der Höhepunkt der rund zehn Kilometer langen Tour. In der kalten Jahreszeit zaubert die Natur mit dem vereisten Fall ein bizarres Gemälde in die Landschaft; wenn die Schneeschmelze einsetzt, rauscht das Wasser über drei Stufen, die insgesamt 40 Höhenmeter überwinden, ins Tal. Der Hauptfall dieses Naturschauspiels ist 15 Meter hoch. Zurück geht es bis zur Lainl-Alm auf dem Weg, den wir gekommen sind. Dann weiter auf einem breiten, geräumten Forstweg, vorbei an der Bergalm (nicht bewirtschaftet) zurück zum Ort, wo der Gasthof Jachenau zur wohlverdienten Einkehr lädt.

Eine lohnende Alternative ist die Wanderung vom Ortsteil Berg rund um den Fischberg (1169 m) zum Ostufer des Walchensees, der in der kalten Jahreszeit einen malerischen Anblick bietet. Den genießt man am besten mit selbst gemachtem Kuchen in der Waldschänke Niedernach (nur an Wochenenden bei schönem Wetter geöffnet), bevor man den zweiten Teil des Rundwegs in Angriff nimmt.

Auf königlichen Spuren durchs Graswangtal

Neun Wege mit insgesamt rund 70 Kilometern Länge finden Winterwanderer in den Ammergauer Alpen vor. Das erscheint manchem vielleicht wenig angesichts des deutlich üppigeren Angebots im Sommer, hat aber einen einleuchtenden Grund. „Wir empfehlen nur Wege, die sicher geräumt sind“, sagt Florian Leischer von der Ammergauer Alpen GmbH, „nicht jeder x-beliebige Weg ist im Winter auch zum Wandern geeignet.“

Malerische Winterlandschaft

Die ausgewählten, wintertauglichen Touren bieten für jeden Geschmack einen passenden Weg. Zum Einstieg eignet sich beispielsweise der „Enzianweg“, eine knapp viereinhalb Kilometer kurze Runde um Ettal. Der leichte Rundkurs bietet immer wieder schöne Blicke auf eins der zwei bedeutendsten Bauwerke der Region, das Kloster Ettal mit seiner markanten Kuppel.

Der zweite Prachtbau ist Schloss Linderhof. Das königliche Domizil des Märchenkönigs ist das Ziel des für viele schönsten Winterwanderwegs der Region: Der „Sonnenweg“ trägt seinen Namen zu Recht, denn wer sich zeitig genug auf die knapp 13 Kilometer lange Strecke begibt, genießt tatsächlich oft auf weiten Teilen Sonne. Der Weg führt von Oberammergau zunächst am Weidmoos entlang, das mit weiß überzuckerten Büschen, die wie Wattebäusche über dem glitzernden Schneefeld zu schweben scheinen, einen wahrhaftig malerischen Anblick bietet. Das Moos kann auch auf einem separaten Weg bis zur Ettaler Mühle erkundet werden. Auf dem „Sonnenweg“ geht’s weiter durch das Graswangtal, wo der Wanderer beständig die markanten Zacken des Scheinbergs und die Klammspitze im Blick hat. In Graswang, etwa auf der Hälfte des Weges, laden der Gasthof Fischerwirt und die Gröbl-Alm zur Einkehr. Danach geht es weiter auf dem „Kohlbachweg“ durch einen winterlichen Märchenwald bis zum Schloss von König Ludwig II. mit seinem zauberhaften Park. Gut dreieinhalb Stunden muss einplanen, wer den gesamten Weg geht. Dafür ist der Rückweg umso einfacher: Ab Linderhof (oder auch schon unterwegs ab Graswang) können Wanderer bequem mit dem Bus zurück nach Oberammergau fahren. Dort bietet das Erlebnisbad WellenBerg den perfekten Abschluss eines Winterwandertages: im 34 Grad warmen Heißwasserbecken mit Blick auf die umliegende Bergwelt oder in den Ammergauer Sternenhimmel.

Bildnachweis: Dietmar Denger/Alpenregion Tegernsee Schliersee; Gästeinformation Jachenau; Ammergauer Alpen/Michael Krüger

Über den Autor

Rudi Stallein

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